Die weiße Frau der Hohenzollern - das Gespenst, das den Tod ankündigen sollte

Die Weiße Frau der Hohenzollern –

das Gespenst, das den Tod ankündigen sollte

Dunkle Geschichten der Königshäuser – Teil 1

Ein weißes Kleid, ein langer Schleier und eine lautlose Gestalt in den Gängen eines Schlosses: Über Jahrhunderte hielt sich innerhalb der Geschichte der Hohenzollern eine ungewöhnliche Überlieferung. Immer dann, wenn ein Mitglied der Herrscherfamilie sterben sollte, so hieß es, erschien die Weiße Frau.


Besonders eng wurde die unheimliche Gestalt mit dem Berliner Schloss verbunden. Kurfürsten, Angehörige ihrer Familien und Menschen am Hof sollen sie gesehen haben. Manchmal lagen zwischen einer angeblichen Erscheinung und einem Todesfall nur wenige Tage.


Doch wer war die Weiße Frau? War sie die rachsüchtige Geliebte eines brandenburgischen Kurfürsten? Eine Gräfin, der ein schreckliches Verbrechen zugeschrieben wurde? Oder entstand aus verschiedenen Erzählungen über Jahrhunderte eine immer größere Legende?



Zum Auftakt unserer Reihe „Dunkle Geschichten der Königshäuser“ gehen wir einer der bekanntesten Spukgeschichten der Hohenzollern auf den Grund.

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Die Weiße Frau im Berliner Schloss

Das Berliner Schloss war über Jahrhunderte eines der wichtigsten Zentren der Hohenzollernherrschaft. Und ausgerechnet hier soll sich eine der berühmtesten Erscheinungen der Dynastie immer wieder gezeigt haben.


Die Weiße Frau wurde als weibliche Gestalt in heller oder weißer Kleidung beschrieben. In der Überlieferung wurde ihr Erscheinen schließlich zu einem Omen: Zeigte sie sich, drohte angeblich ein Todesfall im Herrscherhaus.


Eine besonders bekannte Erzählung führt uns in das Jahr 1598. Damals regierte Kurfürst Johann Georg von Brandenburg. Am 1. Januar soll die Weiße Frau im Berliner Schloss erschienen sein. Nur wenige Tage später, am 8. Januar 1598, starb Johann Georg. Ob die Erscheinung tatsächlich stattgefunden hat, lässt sich nicht beweisen. Entscheidend für die Geschichte der Sage ist jedoch etwas anderes: Spätestens mit dem Tod Johann Georgs hatte die Weiße Frau einen festen Platz in der Überlieferung der Hohenzollern gefunden.

Und ausgerechnet bei Johann Georg bekam das vermeintliche Gespenst noch eine zweite Identität.

Berliner Schloss um 1900

War die Weiße Frau Anna Sydow?

Die Geschichte führt zurück zu Johann Georgs Vater, Kurfürst Joachim II. von Brandenburg.

Joachim II. unterhielt über viele Jahre eine Beziehung zu Anna Sydow, die als „schöne Gießerin“ bekannt wurde. Nach dem Tod des Kurfürsten im Jahr 1571 änderte sich ihr Leben dramatisch.

Johann Georg ließ Anna Sydow gefangen setzen. Sie wurde in der Zitadelle Spandau inhaftiert und starb dort 1575.


Damit entstand der Stoff für eine geradezu perfekte Geistergeschichte. Mehr als zwanzig Jahre nach ihrem Tod soll Johann Georg kurz vor seinem eigenen Tod die Weiße Frau gesehen haben. In der späteren Überlieferung wurde deshalb die Vorstellung verbreitet, bei der Erscheinung könne es sich um Anna Sydow gehandelt haben.


Die Frau, die Johann Georg hatte einsperren lassen, wäre demnach kurz vor seinem Tod zurückgekehrt.

Historisch belegt ist eine solche Rückkehr natürlich nicht. Die Verbindung zwischen Anna Sydow und der Weißen Frau gehört in den Bereich der Sage. Gerade sie zeigt aber, wie reale Ereignisse am Hof und spätere Erzählungen miteinander verschmolzen.

Die nächste Erscheinung: Johann Sigismund

Damit war die Geschichte nicht beendet.


Auch vor dem Tod von Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg soll die Weiße Frau erschienen sein.

Johann Sigismund starb am 23. Dezember 1619. Der Überlieferung zufolge wurde die geheimnisvolle Gestalt bereits am 1. Dezember im Berliner Schloss gesehen – 22 Tage vor seinem Tod. Wieder gab es damit eine Verbindung zwischen einer angeblichen Sichtung und dem Tod eines Hohenzollern.


Je häufiger solche Geschichten erzählt wurden, desto stärker konnte sich die Vorstellung festsetzen: Die Weiße Frau erschien, wenn im Herrscherhaus etwas Schlimmes bevorstand.



Dabei gerieten Ereignisse, bei denen auf eine angebliche Sichtung kein Todesfall folgte, naturgemäß leichter in Vergessenheit. Auch solche Fälle sind überliefert.

Luise Henriette und die Weiße Frau

Selbst eine der bedeutendsten Frauen der brandenburgischen Geschichte wurde später mit der Sage verbunden: Kurfürstin Luise Henriette von Oranien, die erste Gemahlin des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm.


Für das Jahr 1667, in dem Luise Henriette starb, berichten spätere Sammlungen ebenfalls von einer Erscheinung der Weißen Frau.


Damit hatte die Legende längst mehrere Generationen der Hohenzollern überdauert.

Auch beim Tod des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm im Jahr 1688 wurde später von einer Sichtung berichtet.



Aus einer einzelnen Spukgeschichte war damit etwas Größeres geworden: ein über Generationen weitergegebenes Todesomen der Dynastie.

Luise Henriette von Oranien

Eine Weiße Frau erscheint König Friedrich I.

Besonders eindrucksvoll wurde die Geschichte bei König Friedrich I. in Preußen.


Friedrich war 1701 der erste preußische König geworden. Anfang 1713 war er bereits schwer krank.

Auch um seine letzten Tage rankte sich später die Geschichte von einer weiß gekleideten Erscheinung. Der König soll die Gestalt für die gefürchtete Weiße Frau gehalten haben. Friedrich I. starb am 25. Februar 1713.


Ob sich tatsächlich eine geheimnisvolle Frau in seinen Räumen befand, ob eine Person verwechselt wurde oder ob die Geschichte erst später ausgeschmückt wurde, ist eine andere Frage.


Für die Legende war entscheidend: Wieder ließ sich der Tod eines Hohenzollern mit der Weißen Frau verbinden.


Doch damit bleibt eine entscheidende Frage offen: Wer sollte diese Frau ursprünglich gewesen sein?

Kunigunde von Orlamünde und die „vier Augen“

Eine der berühmtesten Erklärungen führt weit weg vom Berliner Schloss und mehrere Jahrhunderte zurück.


Im Mittelpunkt steht Kunigunde von Orlamünde. Der Sage zufolge verliebte sich die verwitwete Gräfin in Albrecht den Schönen, einen Sohn des Nürnberger Burggrafen Friedrich IV. aus dem Haus Hohenzollern.

Albrecht soll ihr zu verstehen gegeben haben, dass einer Verbindung lediglich „vier Augen“ im Wege stünden. Kunigunde habe die Aussage auf ihre beiden Kinder bezogen.


Und dann wird die Geschichte grausam.

Laut Sage tötete sie daraufhin ihre beiden Kinder, weil sie glaubte, dadurch den Weg für eine Ehe mit Albrecht freizumachen. Doch mit den „vier Augen“ sollen in Wirklichkeit Albrechts Eltern gemeint gewesen sein.


Kunigunde habe damit ein furchtbares Verbrechen begangen – vollkommen umsonst.


Als Strafe für ihre Tat sei sie nach ihrem Tod dazu verdammt gewesen, als Weiße Frau umherzugehen.

Es ist eine Geschichte wie geschaffen für eine mittelalterliche Schauersage.


Nur gibt es ein Problem:

Was stimmt an der Geschichte wirklich?

Bereits im 19. Jahrhundert wurde versucht, die Geschichte der Weißen Frau systematisch zu untersuchen.

Eine wichtige Rolle spielte dabei Julius von Minutoli. 1850 veröffentlichte er das Werk Die Weiße Frau. Geschichtliche Prüfung der Sage und Beobachtung dieser Erscheinung seit dem Jahre 1486 bis auf die neueste Zeit.


Minutoli untersuchte historische Quellen und kam zu dem Ergebnis, dass die Weiße Frau zu Unrecht mit Kunigunde von Orlamünde gleichgesetzt worden war.


Die berühmte Geschichte von der Mutter, die wegen der missverstandenen „vier Augen“ ihre Kinder tötete, sollte deshalb nicht als historisch belegte Biografie Kunigundes gelesen werden.


Und genau hier wird die Weiße Frau für die Geschichtsforschung besonders interessant. Denn hinter der Sage verbirgt sich weniger die Geschichte einer einzigen Frau als vielmehr ein Geflecht aus verschiedenen Personen, Überlieferungen und Erzählungen. Kunigunde von Orlamünde ist nur eine davon. Anna Sydow eine andere.



Daneben existierten weitere Erklärungen für die Identität der Weißen Frau.

Warum hielt sich die Legende so lange?

Anna Sydow

Heute erscheint es einfach, solche Geschichten als Aberglauben abzutun. Doch damit würde man einen wichtigen Teil der höfischen Welt früherer Jahrhunderte übersehen.


Tod war an frühneuzeitlichen Höfen allgegenwärtig. Krankheiten konnten innerhalb weniger Tage tödlich verlaufen. Kindersterblichkeit war hoch. Medizinische Möglichkeiten waren begrenzt. Gleichzeitig spielten Religion, Vorzeichen und außergewöhnliche Naturerscheinungen bei der Deutung der Welt eine wesentlich größere Rolle als heute.


Und ein Herrscherhaus wie das der Hohenzollern bot den perfekten Nährboden für eine dynastische Legende. Jeder neue Todesfall konnte mit älteren Geschichten verbunden werden. Aus Zufällen wurden Zusammenhänge. Aus Erzählungen wurden Überlieferungen.


Und aus einer Frau in Weiß wurde schließlich ein Gespenst, das angeblich über Jahrhunderte hinweg den Tod der Hohenzollern ankündigte. Bemerkenswert ist, wie langlebig diese Geschichte war. Noch im 19. Jahrhundert wurde über angebliche Erscheinungen der Weißen Frau im Berliner Schloss gesprochen.


Die Legende hatte damit mehrere politische Epochen überlebt – von den brandenburgischen Kurfürsten über die preußischen Könige bis in die Zeit der deutschen Kaiser.

Gespenst oder jahrhundertealte Hoflegende?

Ob jemals eine geheimnisvolle Weiße Frau durch die Gänge des Berliner Schlosses ging, können historische Quellen nicht beantworten.


Belegen lässt sich etwas anderes:

Die Menschen erzählten sich diese Geschichte über Jahrhunderte. Und genau darin liegt ihre historische Bedeutung. Die Weiße Frau ist Teil der Erinnerungsgeschichte der Hohenzollern. Ihre Sage verbindet reale Herrscher und Herrscherinnen, tatsächliche Todesfälle, tragische Lebensgeschichten und menschliche Angst vor dem Unbekannten.


Kurfürst Johann Georg starb tatsächlich 1598.

Anna Sydow starb tatsächlich nach ihrer Gefangenschaft in Spandau.

Johann Sigismund starb 1619.

Luise Henriette starb 1667.

Friedrich Wilhelm starb 1688.

Friedrich I. starb 1713.


Dass eine geheimnisvolle Frau ihre Tode vorhergesagt habe, gehört dagegen in das Reich der Überlieferung.

Vielleicht ist gerade diese Mischung der Grund dafür, dass die Geschichte der Weißen Frau bis heute fasziniert.



Denn hinter dem Gespenst verbergen sich echte Menschen – und mehrere Jahrhunderte Geschichte der Hohenzollern.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Julius von Minutoli: Die Weiße Frau. Geschichtliche Prüfung der Sage und Beobachtung dieser Erscheinung seit dem Jahre 1486 bis auf die neueste Zeit. Berlin 1850.
  • Stadtmuseum Berlin / Berlin Museum: Die Weiße Frau – zur Überlieferung der Weißen Frau im Berliner Schloss und ihrer Verbindung mit den Hohenzollern.
  • Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, 1885–1892, Stichwort „Weiße Frau“.
  • Oskar Schwebel: Die Sagen der Hohenzollern. Berlin, 3. Auflage 1905.
  • Deutsche Biographie: Julius Freiherr von Minutoli – einschließlich seiner historischen Untersuchung der Sage und ihrer Zuordnung zu Kunigunde von Orlamünde.


Hinweis: Bei den angeblichen Erscheinungen der Weißen Frau handelt es sich um historische Sagen und Überlieferungen. Sie sind nicht als belegte Ereignisse zu verstehen. Wo Quellen lediglich von einer angeblichen Sichtung berichten, wird dies im Artikel entsprechend gekennzeichnet.